Hannah Arendt
und das 20. Jahrhundert
Hannah Arendt
und das 20. Jahrhundert
Im Rahmen des mehrjährigen Programms zur „historischen Urteilskraft“ zeigte das Deutsche Historische Museum eine umfangreiche zeithistorische Sonderausstellung zum Leben und Werk der „politischen Denkerin“ und Schriftstellerin Hannah Arendt. Sie war eine emanzipierte Jüdin, eine vom NS-Staat zur Flucht Gezwungene. Sie war Professorin, Autorin, Kritikerin und Journalistin. Aber vor allem war sie eine glühende Verfechterin von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Ihr biografischer Facettenreichtum, ihr „Denken ohne Geländer“ und ihre vielfältigen Freundschaften im Geiste und der Korrespondenz machen die Auseinandersetzung mit ihr so reich und so spannend.
Wegen des großen Publikumserfolges wanderte die Ausstellung nach Bonn in die Bundeskunsthalle und dann ins Literaturhaus nach München. Sie schafft einen Zugang zu ihren Schriften und vor allem zu ihrer Reflexion der Themen NS, Antisemitismus, Zionismus, Totalitarismus, Rassismus, Feminismus, Öffentlichkeit und anderen. Sie zeichnet auch anhand von Briefen, persönlichen Gegenständen und vor allem mit dem Portrait ihres Freundeskreises ein sehr persönliches Bild.
Szenografisch war die Herausforderung, Verbindungen zu bauen zwischen der Person und ihrem Denken, dem gesprochenen Wort und den Objekten, den unterschiedlichen Medien Ton, Video und Objektpräsentation und dabei den besonderen Sinn für die Paradoxie und die Kontroverse aufscheinen zu lassen. So titelt das Plakat der Ausstellung prägnant: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“
Deutsches Historisches Museum Berlin
27.03–18.10.2020
Wie schafft man es, die Fülle an Informationen so zu ordnen und zu gestalten, dass die Besuchenden Lust und Anregung verspüren, diese Lebens- und Denkvielfalt zu erkunden? Wie gestaltet man eine Atmosphäre, die es vermag, Arendts Leben und Persönlichkeit in ihrer Zeit in Raum zu überführen? Zwei Filmräume und zahlreiche immer wieder eingestreute Audionischen helfen den Besuchenden, sich den Gedanken Hannah Arendts immer wieder sinnlich zu nähern. Das legendäre Interview mit Günther Gaus 1964 sowie zahlreiche Tondokumente sind dafür hilfreich. Originalfotos ihres Freundeskreises, persönliche Gegenstände wie das Zigarettenetui oder die Aktentasche, die Halskette, ihre prägnante Brosche, Kleidung, Mobiliar und jüdische Artefakte fügen ein Bild.
Für das DHM baut chezweitz auf zwei Etagen eine Raumstruktur, die einen Rundgang entlang der pointiert herausgearbeiteten Themen organisiert. Es entsteht ein gebautes, begehbares, dreidimensionales Netzwerk, das spannungsvolle Räume, vielfältige Bezüge und Durchblicke eröffnet. Der subtile Einsatz von Grafik und Medien ermöglicht eine Ausstellungsgestaltung, die der Ernsthaftigkeit der Themen Raum gibt und gleichzeitig einen sehr persönlichen Blick auf die Person Hannah Arendts zulässt.
Die Gestaltung der Ausstellung berücksichtigt die Ebenerdigkeit und Unterfahrbarkeit von Exponaten und Einrichtungen, um Besuchenden im Rollstuhl uneingeschränkten Zugang zu gewährleisten. Zahlreiche Hörnischen ermöglichen es, nahezu alle Bereiche der Ausstellung auditiv zu erleben, Einhandkopfhörer an vielen Punkten werden durch Hands-Ons mit Transkriptionen der Audiobeiträge ergänzt. Die Videoinstallationen mit Filmbeiträgen zu Hannah Arendt sind deutsch und englisch untertitelt.
Zentrales Exponat und erste Perspektive in der Ausstellung wird das Modell des Krematoriums II im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau des polnischen Künstlers Mieczysław Stobierski sein, das transloziert und reinszeniert daran anknüpft, was Hannah Arendt unablässig bewegte: Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Bundeskunsthalle Bonn
Frühjahr 2021
Die szenografische Raumstruktur als Netz hat sich für die zweite Ausstellungsstation, der Bundeskunsthalle in Bonn, aufgelöst, da sich der Ausstellungsraum hier ringförmig gestaltet. Dennoch gelingt es der Szenografie, wichtige Bezüge mittels Öffnungen und Durchblicke zu erhalten. Das ursprüngliche Zentrum, das Modell des Krematoriums in Auschwitz, konnte nicht nach Bonn verbracht werden.
So hat chezweitz zusammen mit Stefan Hurtig eine komplexe Videoinstallation hergestellt, die auf interessante Art und Weise die wesentlichen Inhalte und Emotionen nach Bonn transportiert. Das riesige und allseitige Modell wird von uns mittels eines langsamen Kameraschwenks aus unterschiedlichen Positionen und Abständen erfasst und in Form einer dreiteiligen Videoinstallation als Zäsur im Raum installiert.
Literaturhaus München
15.10.2021–24.04.2022
Die besondere Herausforderung an der Ausstellungssituation im Literaturhaus München, der dritten Station, war, die umfangreiche Ausstellung und komplexe Architektur in einen deutlich kleineren Raum als bei den vorherigen Stationen zu transferieren. Durch einen einheitlichen Horizont und das Umschließen der Säulen im Ausstellungsraum des Literaturhaus München entsteht eine eigenständige, fokussierte Szenografie, die über zahlreiche Blickverbindungen und Verknüpfungen das Leben und die Denkweise von Hannah Arendt in eine Architektur übersetzt. Als zentrales, von überall sichtbares Element durchschneidet in München eine Schneise radikal die Ausstellungsarchitektur und markiert die Zäsur, die Auschwitz für die Arbeit von Hannah Arendt bedeutet.
Deutsches Historisches Museum (DHM), Berlin
chezweitz GmbH, museale und urbane Szenografie, Berlin
Dr. Sonja Beeck, Detlef Weitz,
Hans Hagemeister, Ines Linder
chezweitz GmbH, Anja Rausch, Johannes Bögle, Lea Donner, Marie-Luise Hagitte
Prof. Dr. Raphael Gross
Dorlis Blume
Monika Boll
Ulrike Kuschel
Mirko Kubein