Roads not Taken
Roads not Taken
Oder: Es hätte auch anders kommen können
Das abstrakte Gedankenspiel, das dem kuratorischen Konzept von „Roads not Taken“ zugrunde liegt, haben wir wirkungsvoll in eine intuitiv erlebbare Ausstellungsarchitektur übersetzt.
Einerseits ermöglicht das Format der Ausstellung – ut pictora poesis –eine räumliche Gleichzeitigkeit von Wirklichkeit und Möglichkeit, die im geschriebenen Wort nicht möglich ist. Andererseits sollte dabei der Unterschied zwischen dem Wirklichen und dem Möglichen aber klar lesbar sein. In diesem Sinne fassen wir den Ansatz des Kurators Dan Diner „…mittels der Perspektive tatsächlich bestandener Möglichkeiten das wirklich Eingetretene umso schärfer herauszustellen“ konkret auf: Mit dem architektonischen Werkzeug der perspektivischen Darstellung erzeugen sie dreidimensionale „Möglichkeitsräume“, deren Bilder sich je nach Standpunkt verzerren oder auflösen können. Aus dem Gedankenspiel wird ein zugleich optisches Spiel.
Der 1000m2 große Ausstellungsraum des Pei-Baus mit seinen unregelmäßig platzierten Säulen und Winkeln wurde von chezweitz in eine überraschende Raum-Kaskade transformiert: Die Besuchenden durchschreiten eine ringförmig angeordnete Enfilade aus Räumen, entlang derer sich nach und nach die kuratorisch 14 ausgewählten „Kippunkte der Geschichte“ chronologisch rückwärts von 1989 bis 1848 auffächern. Aus dem linearen Raumkontinuum der Geschichte heraus eröffnen sich radial die Möglichkeitsräume, dreidimensional, farbig und illusionistisch. Während sich diese mit der Bewegung der Betrachtenden zunehmend verzerren oder verflüchtigen, bleiben die historischen Fakten – sachlich in schwarz-weiß gehalten im klar gegliederten Raumkontinuum – konsequent lesbar. Im Dialog zwischen Wirklichkeits- und Möglichkeitsräumen entstehen höchst unterschiedliche Kompositionen. Möbel, Podeste, Mediengrafiken und Exponate treten aus den perspektivischen Wandbildern heraus und legen deren Konstruktion mit der Bewegung der Betrachter*in eindrücklich offen.
Um die Atmosphäre der unterschiedlichen Zeiträume erlebbar zu machen, verwenden chezweitz Techniken und Medien der jeweiligen Epoche. So wird der Mauerfall (1989) zum zweideutig lesbaren Riffelbild, das zugleich an die Ästhetik der Drehvision-Werbetafeln der 1980er Jahre erinnert. Im Regierungsbunker (1961) wird mit Hilfe der Zentralperspektive und einer kulissenartigen Schichtung die schier endlose räumliche Tiefe das weitläufigen Tunnelsystems des Bunkers suggeriert. Matte Grün- und leuchtende Orangetöne erschaffen hier ein flimmerndes 1960er-Ambiente. Als Fokuspunkt im ersten Teil des Rundgangs wird den Besuchenden das permanente Gefühl der Bedrohung im Nachkriegsdeutschland vermittelt: Eindrücklich schwebt das Motiv der Atombombe im Raum – eine Installation aus mehreren tausend Schnüren, fotografisch bedruckt und in Schichten und Längen gestaffelt, die ein immaterielles aber zugleich wuchtiges Bild erzeugt.
Wandmalereien mit Trompe l’œuil- Effekt bilden den zweiten Fokuspunkt des Rundgangs (1848) – einem gemalten Zug-Interieur mit medialer Überblendung. Mit einem Straßenzug im Look einer Graphic Novel schließt der Rundgang ab und knüpft wieder an seinen Anfang an: Die Besuchenden können sich hier niederlassen und sich im (Serious) Game „Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig“ interaktiv in die Geschehnisse des Herbst 1989 einbringen.
chezweitz GmbH, museale und urbane Szenografie, Berlin
Dr. Sonja Beeck, Detlef Weitz,
Ines Linder, Fin Morten Ohlsen, Hans Hagemeister, Alexander Butz
chezweitz GmbH, Leila Tabassomi, Luiz Dominguez, Antonia Gaida, Anja Rausch, Jaroslav Toussaint, Carlotta Markötter, Siyu Mao, Darius Samek
Jaroslav Toussaint, Detlef Weitz, Ines Linder
Prof. Dr. Raphael Gross
Ulrike Kretzschmar
Dan Diner
Fritz Backhaus
Julia Franke, Stefan Paul-Jacobs, Lili Reyels
Dijon Menchén
Werner Konitzer
Projektleitung: Fritz Backhaus, Elisabeth Breitkopf-Bruckschen
Projektassistenz: Ulrike Kuschel
Spielentwicklung in Kooperation mit Playing History, Berlin: Anne Sauer, Michael Geithner, Martin Thiele-Schwez
Illustration: Alexander Roncaldier
Stefan Hurtig, Detlef Weitz mit Franziska Junge, Jaroslav Toussaint
Carsten Golbeck
Team der Sprecher:innen: Jeff Burrell, Timur Isik, Astrid Kohrs, Marty Sander, Thomas Schendel, Darren Smith
Sebastian Rau
Eidotech GmbH, Berlin
DIGIDAX, Oschatz visuelle Medien GmbH & Co KG, Lentiprint/Spectrum, CreaDecor GmbH
Nicholas Kaloplastos (Leitung DHM) mit Jens Albert, Stefan Thimm und Team
Malermeister Antosch, Berlin
Atelier Witzmann: Burkhard Witzmann, Julia Zukowski, Titus Jany
Max Leppinius GmbH, Berlin
Abrell & van den Berg – Ausstellungsservice GbR, Berlin
Alexander Butz (chezweitz)
David von Becker