chezweitz museale und urbane Szenografie

Eine Stadt macht mit

Eine Stadt macht mit

Frankfurt und der NS

Historisches Museum Frankfurt
09.12.2021 – 11.09.2022

Frank­furt am Main – das ist die inter­na­tion­al ver­net­zte, mod­erne und bunte Metro­pole, europäis­ches Han­del­skreuz und Sitz bedeu­ten­der Kul­turin­sti­tu­tio­nen, besucht und bestaunt für seine Offen­heit und Tol­er­anz. Kaum vorstell­bar, dass die Stadt mit sein­er glitzern­den Sky­line vor 76 Jahren wichtiger Teil eines anderen Net­zw­erkes war, das der Nation­al­sozial­is­mus und seine Anhänger in Europa geschnürt hat­ten, das sich aus Ter­ror und Unter­drück­ung kon­sti­tu­ierte und vie­len Men­schen Leid zufügte. Damit spielte auch Frank­furt in der Poli­tik aus Aus­gren­zung und Ver­nich­tung des NS-Regimes eine beson­dere und wichtige Rolle.
Sich dieser Bedeu­tung annehmend, wagte das His­torische Muse­um in Frank­furt (HMF) ein ein­ma­liges Ausstel­lung­sex­per­i­ment – in Frank­furt und der NS“ wur­den die nation­al­sozial­is­tis­che Ver­gan­gen­heit und die dazuge­höri­gen Orte für heutige Gen­er­a­tio­nen zum ersten Mal in Gänze wieder sicht­bar gemacht.

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Die größte der drei par­al­lel laufend­en Ausstel­lun­gen in der Son­der­ausstel­lungs­fläche des HMF ent­warf chezweitz in eng­ster Zusam­me­nar­beit mit dem Kurator*innen-Team rund um Jen­ny Jung. Dabei her­aus­gekom­men ist ein szenografis­ch­er Spazier­gang durch Frank­furt vor, während und nach der NS-Zeit. Ins­ge­samt 19 Sta­tio­nen des typ­isch städtis­chen Lebens, Rathaus, Geschäfte, Alt­stadt, Muse­um, Polizei etc., bilden ein detek­tivisch-räum­lich-kura­torisches Gesamt-Nar­ra­tiv, für das unser Team aus Gestalter*innen indi­vidu­elle Abschnitte konzip­ierte. Sie erzählen von den Orten der Täter und Täterin­nen und ihrer Opfer.

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Mon­u­men­tale Wand­scheiben dienen als Basis dieser Orte. Ihre Far­bigkeit, das helle, hölz­erne Braun und ihre typ­is­che Mate­ri­al­ität sind nicht nur eine Rem­i­niszenz an den Ausstel­lungsraum. Ihre Holz-Optik lassen das zen­trale Haupt­trep­pen­haus zwis­chen dem Scheiben­wald ver­schwinden. Außer­dem ist sie eine Anspielung an die Vor­liebe der Nazis für deutsche“ Baustoffe, wie Eiche oder Naturstein.

Fotografien der Orte an den Stirn­seit­en der Wände vor und nach der NS-Zeit lassen die Besucher*innen ganz automa­tisch und intu­itiv von ein­er Sta­tion zur näch­sten wandern.

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Gebrochen wird der stois­che Charak­ter der Kuben durch weiße, rote und spiegel­nde Farbflächen auf den Wan­dele­menten – sie nehmen die Ausstel­lung­s­texte auf, erörtern zeit­be­zo­gene Gegen­wehr und Protestver­suche mutiger Frank­furter Bürger*innen (Wider­stand­spur) und stellen Fra­gen an die Gegen­wart, sind somit Licht­blicke und Brechun­gen in der hell­braun dominierten Ausstel­lungs­land­schaft. Daran anknüpfend erzählen zwölf von der Decke hän­gende Ini­tia­tiv­en von den heuti­gen Ver­suchen des Erin­nerns in Frank­furt (bspw. die Stolper­steine). Ihre kraftvollen Far­ben stellen eine Verbindung zu der Spur des Wider­standes her..

Pho­tographs of the sites before and after the Nazi era on the ends of the walls allow vis­i­tors to wan­der auto­mat­i­cal­ly and intu­itive­ly from one sta­tion to the next.

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Um ihnen ihren auratis­chen Charak­ter zu nehmen und ihre NS-Sym­bo­l­ik zu brechen, wur­den die 800 Exponate möglichst so insze­niert, dass sie ihre ursprüngliche Funk­tion ein­büßen: eine Polizeiu­ni­form liegt gefal­tet in der Vit­rine, eine Büste Hitlers wird ohne Sock­el in einem Regal gezeigt.
Auch im Trep­pen­haus wer­den die Räum­lichkeit­en sehr ernst genom­men und vorhan­dene Objek­te müh­e­los in das Ausstel­lungser­leb­nis inte­gri­ert. Weiße, auf die Wand­flächen der Treppe ges­pan­nte Stoff­bah­nen dienen der Chronolo­gie und als Lein­wand für zeit­genös­sis­che Filmaufnahmen.

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Die Ausstel­lung zeigt, wie verzah­nt das urbane Leben Frank­furts schon früher war, beson­ders mit Hil­fe der ineinan­der­greifend­en Szenografie und dem Dia­log der Orte untere­inan­der. Sie hat Vor­bild­charak­ter für andere große deutsche Städte, die ein ähn­lich­es Schick­sal teilen: ein sozial eng gefügter Raum, indem sich Opfer, Täter*innen und Mitläufer*innen im NS auf offen­er Straße begegneten.

Szenografie
chezweitz GmbH, museale und urbane Szenografie, Berlin
Dr. Sonja Beeck, Detlef Weitz,
Jan Stauf, Morten Ohlsen, Katerina Vraga, Hans Hagemeister, Elias Eichhorn, Marco Pinheiro
Ausstellungsgrafik
chezweitz GmbH, Anja Rausch, Melissa Lücking, Alexandra Zackiewicz, Carlotta Markötter, Jana Rohrsen, Benjamin Trunsch
Direktor des HMF und Gesamtleitung
Jan Gerchow
Projektleitung HMF
Anne Gemeinhardt
Projektkoordination
Jenny Jung
Kuratoren
Benedikt Burkard, Jenny Jung, Jutta Zwilling
Elektro- und Medientechnik
HMF: Thomas Schwerdtfeger, Christof Gold
AV Kommunikationstechnik, Eichen
Stephan Zimmermann Lightsolutions, Oberursel
Thomas Schwerdtfeger, Christof Gold
Ausstellungsaufbau, Grafikproduktion und -montage
Messegrafik & Messebau Schreiber, Schmitten
Programmierung
COSALUX GmbH
Bildbearbeitung/Lithografie
Martin Esche, Berlin
Lichtplanung
Stephan Zimmermann Lightsoloutions, Oberursel
Fotos
Horst Ziegenfusz, HMF