chezweitz museale und urbane Szenografie

Fotografien berühren

Fotografien berühren

Humboldt Lab Dahlem
17.10.2013 – 30.3.2014

Rück­wärts­fo­tografieren 
Was machen mit his­torischen Fotografien von Per­so­n­en über die kaum Angaben existieren, bei denen nur zum Teil Rückschlüsse zum Auf­nahme- und Ver­wen­dungskon­text vor­liegen aber zum Teil auch Kom­mentare der Fotografen vor­liegen? Wie kön­nen alte, teil­weise befremdlich wirk­ende Fotografien für zeit­genös­sis­che Betra­chter lebendig“ wer­den? Und, wie kann man sehen ohne den Fil­ter der eth­nol­o­gis­chen Ambi­tio­nen? Indem man das Medi­um, dass uns diese Fotografien ermöglicht hat, den Fotoap­pa­rat, wieder benutzt, um die entschei­dende Sit­u­a­tion, den Moment der Fotografie herzustellen. Indem man aus dem Appa­rat die Sit­u­a­tion wieder erste­hen lässt. Denn das waren mal lebendi­ge Men­schen, die dort vor den Kam­eras, vor den Objek­tiv­en ges­tanden sind, einen lan­gen Moment, bis sie zum Bild erstar­rt wurden.

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Lebende Bilder 
Im ersten Raum wieder­holen die Liv­ing Portraits“den Akt des Fotografierens. Der Moment wird noch ein­mal fest­ge­hal­ten, auf ein­er lichtempfind­lichen Plat­te. Das Licht das nun unser Auge trifft, für den lan­gen Moment des Erken­nens. Wir sehen, wie die Kam­era gese­hen hat, fast in einem Lid­schlag­in­ter­vall. In 10 – 25 Sekun­den posieren die his­torischen“ Per­so­n­en noch ein­mal vor dem Betra­chter, kon­fron­tieren ihn mit der Sit­u­a­tion des Gegenübers. Allein die Kam­era, das Medi­um ste­ht nicht mehr zwis­chen den Betra­chtern, dadurch entste­ht ein unmit­tel­bar­er Moment. 
Der fotografis­che Moment wird also umgekehrt, man ist der Präsenz der Per­sön­lichkeit, die da am Ende des Raumes ste­ht in gewiss­er Weise aus­geliefert, zumal man durch sie hin­durch in den näch­sten Raum gehen muss. Die Besuch­er näh­ern sich im wahrsten Sinne des Wortes Men­schen. Zu hören ist ein beständi­ges Geräusch im Raum, das leise aber vernehm­liche Atmen mehrere Per­so­n­en. Diese räum­lich wie emo­tionale Annäherung ist also ein gewollt inszena­torisch­er Effekt. Der Moment des Nicht-Ver­ste­hens – gle­ich der Sit­u­a­tion damals“ als die Fotografierten oft genug sicher­lich nicht wussten, was genau da vor ihren Augen geschieht – dieser Moment soll evoziert wer­den. Wir, die Betra­chter sind nun zugle­ich Beobachtete. Und erst dadurch stellt sich wieder das Gefühl eines sozialen Moments, ein­er Sit­u­a­tion ein. Fotografien berühren, sie treten aus ihrem Zusam­men­hang her­aus und wer­den plöt­zlich als lebende Bilder erfahrbar, sie wer­den hör­bar, die Sit­u­a­tion rührt. 
Die Grund­strate­gie dieses ersten Raumes beste­ht also darin, den Fotografien zunächst kom­men­tar­los auf Augen­höhe als lebende Bilder zu begeg­nen. Die Besuch­er sollen den Men­schen zunächst unmit­tel­bar begeg­nen, ohne weit­ere Informationen. 

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Bildgeschicht­en­bild
Im zweit­en Raum wer­den die Besuch­er den vor­mals gese­henen, leben­den Porträts in über­liefer­ten Erzäh­lkon­tex­ten wieder begeg­nen. Aufge­fun­dene Tage­buch­no­ti­zen, Hin­weise der Ethno­graphen oder Kün­stler sind vom Kura­tor in eine dezi­dierte Erzähldra­maturgie gebracht. In ein­er Ein­leitung und sechs the­ma­tisch ori­en­tierten Kapiteln führt eine weib­liche Stimme (im Gegen­satz zu den alle­samt männlichen Fotografen) sorgfältig durch die ver­schiede­nen Aufze­ichun­gen und Erläuterun­gen des Kura­tors. Dessen Stimme führt nur in der Ein­leitung auf per­sön­lich-kura­torischem Wege hin zu den Auf­nah­men, ver­sucht den Zugang zu diesen Forschungs­ge­gen­stän­den zu erläutern. 
Die Besuch­er kön­nen über Kopfhör­er auf bere­it­gestell­ten Stühlen den einzel­nen Bildgeschicht­en fol­gen. Erst hier, an der Stirn­seite des zweit­en Raumes wer­den die Besuch­er mit­tels eines län­geren Erläuterung­s­textes an der Wand über diese beson­dere Ausstel­lungssi­t­u­a­tion aufgek­lärt. Dieser Raum ist das muse­ale Scharnier, das die unmit­tel­bare Begeg­nung des ersten Raumes mit der wis­senschaftlich-tax­onomis­chen Auseinan­der­set­zung des drit­ten Raumes gen­uin kura­torisch veknüpft, indem eine inter­pre­tatitve sowie didak­tisch-erläuternde Einord­nung der Auf­nah­men erfolgt. 

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Bilder bear­beit­en
Im drit­ten Raum wird Fotografien berühren“ als Leit­prinzip fort­ge­führt: Sämtliche Hin­ter­grund­ma­te­ri­alien, die Quellen der Tage­buchaufze­ich­nun­gen, das wis­senschaftliche Mate­r­i­al, die Einord­nun­gen, die Bilder, wer­den in erk­lärende Zusam­men­hänge gestellt. 
Auf drei Arbeit­stis­chen ste­hen je ein Over­head­pro­jek­tor, zudem sämtlich­es Mate­r­i­al auf­bere­it­et auf Folien in Sam­melk­isten neben den Pro­jek­toren auf­be­wahrt.
Die Mate­ri­alien wer­den nach den vor­liegen­den Forscher“gruppen sortiert und den Arbeit­stis­chen samt Pro­jek­tor zuge­ord­net. (Kun­st­fo­tograf, Kün­stler, Eth­nologe) – Es sind Infor­ma­tio­nen und Dat­en zu den Per­so­n­en, deren Anliegen, Inter­esse, die Umstände der Reise und deren schriftliche Zeug­nisse bezüglich der Bilder, Sit­u­a­tio­nen und Reisen.
Die Folien bilden die Exponatschilder zu den bis dato unbes­timmten Liv­ing Por­traits“ des ersten Raumes. Das Mate­r­i­al muss sel­ber erkun­det wer­den. In dem der Besuch­er forscht, er eine Folie auswählt und auf den Pro­jek­tor legt, berührt er sie und stellt sie zugle­ich aus. Durch die Pro­jek­toren wer­den nun Ver­gle­iche möglich, die von den Besuch­ern immer wieder in neuen Kon­stel­la­tio­nen hergestellt wer­den kön­nen.
Alle Daten­blät­ter weisen die gle­iche Struk­tur auf, nach fest­gelegten Kat­e­gorien sortiert, so dass immer wieder deut­lich wird, dass es zu vie­len Bildern wenig bis kaum Infor­ma­tio­nen und dann auch nur sehr spezielle gibt. Das macht deut­lich, wie sehr Blick­weisen vom jew­eils Bekan­nten ges­teuert wer­den. Durch die Leer­stellen auf den Daten­bö­gen wird zudem noch das Nicht-Bekan­nte als Inter­pre­ta­tion­srah­men ermöglicht. Es sollen vor allem auch die Inten­tio­nen der Fotografen deut­lich wer­den. Mal ein pro­fes­sioneller Fotograf, mal ein Eth­nologe, mal ein Kün­stler, mit jew­eils unter­schiedlichen Ambi­tio­nen. Den Besuch­ern soll durch die vie­len ver­schiede­nen Folien, die sie eigen­ständig kom­binieren kön­nen, eine dif­feren­zierte Betra­ch­tung dieser Fotografien und ihrer jew­eili­gen Kon­texte ermöglicht wer­den. Es sollen bei­de Blick­rich­tun­gen, die der Fotografierten wie der Fotografieren­den ein­genom­men wer­den können.

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Fotografien berühren
Die Besuch­er wer­den mit drei Geräten, mit drei Appa­rat­en kon­fron­tiert, die alle zum gen­uinen Bestand des neueren Muse­ums als Ort des Zeigens gehören: der ver­bor­gene Fotoap­pa­rat, der die Bilder erzeugt hat, die nun Aus­gang der Liv­ing Por­traits“ sind, das Tablet-Gerät auf dem die Besuch­er mit bruch­stück­haften Über­liefer­un­gen der Bilder in hör­bare Berührung kom­men und der Pro­jek­tor, der ein­er­seits diese Porträts im ersten Raum erzeugt und ander­er­seits als Werkzeug zum sicht­bar machen der Infor­ma­tio­nen im zweit­en Raum dient. 
Das Hin- und Herge­hen zwis­chen den Räu­men ist gewollt. Denn nach den Infor­ma­tio­nen, nach dem die ver­schiede­nen Hin­ter­gründe von den Besuch­ern selb­st gesichtet wor­den sind, verän­dert sich naturgemäß der Blick auf die Per­so­n­en.
Die drei Räume ste­hen also in ein­er klaren Beziehung zueinan­der, hal­ten drei ver­schiedene Gegeben­heitsweise bere­it: eine anschaulich unmit­tel­bare, durch aber­ma­lige, tech­nis­che Ver­frem­dung“ ermöglichte, eine erzäh­lerisch-immag­i­na­tive und eine ana­lytis­che Weise, die sich nur durch eigenes Han­deln und eben nicht allein durch Betra­cht­en ergibt. In allen drei Weisen wird auf ihre Art berührt“: ein­mal affizieren die Bilder, ein­mal evozieren die Bilder Geschichte und schließlich müssen die Infor­ma­tio­nen berührt wer­den. Damit wird dem Titel Fotografien berühren“ in sein­er dop­peldeuti­gen Aus­sage entsprochen, bei­de Diathe­sen, aktiv wie pas­siv kom­men zur Gel­tung. Und wer Sub­jekt, wer Objekt der Sit­u­a­tion ist, wird durch die Szenografie den Besuch­ern zur Frage und Handlung.

Fotografien berühren

Humboldt Lab Dahlem im Ethnologischen Museum, Berlin

 

Konzeption und inhaltliche Ausführung

Dr. Michael Kraus

Szenografie

chezweitz, Detlef Weitz und Sonja Beeck mit Julia Volkmar, Hans Hagemeister, Stefan Hurtig, Joana Katte

Video/Animation

Ronny Traufeller

Sound/Audio

Daniel Dorsch

Sprecherin

Judica Albrecht

Sprecher

Dr. Michael Kraus

Programmierung

Ivo Wessel

Medientechnik

cine-plus

Koordination

Luisa Krüger

Leistung

Architektur LP 1-8, Ausstellungsgrafik, Medienarchitektur, Video/Animation, App

Fotos

Jens Ziehe, Sebastian Bolesch © Humboldt Lab Dahlem